Samstag, 17. September 2022

GLP Frauenfeld: Pro Nahwärmenetz Altstadt, lehnt jedoch das Fernwärmenetz West ab

Vergleich der Netze «Wärme Frauenfeld (Zentrum)» und «Wärme Frauenfeld West». Der Vorstand der GLP Frauenfeld empfiehlt die Annahme des Objektkredits über 9.9 Mio. Franken für die Realisierung des Nahwärmerings Altstadt und die Ablehnung des Objektkredits über 30.1 Franken für die Realisierung der Fernwärme West!

Beide Netze transportieren Wärmeenergie mittels Wasser, doch unterscheiden sich die Technologien der Netze grundlegend!

 

Klassisches Fernwärmenetz

Bei «Wärme Frauenfeld West» handelt es sich um ein klassisches Fernwärmenetz, dessen Wärmeenergie von einem zentralen Energieerzeuger stammt (z.B. KVA, Heizkraftwerk). Die Wärmeverteilung geschieht auf einem hohen Temperaturniveau (80 – 120°C), was gut isolierte, druckfeste  und somit teure Rohleitungen erfordert. Die Wärme wird beim Verbraucher über Wärmetauscher direkt für Warmwasser und für Heizzwecke übernommen.

 

Anergienetz

Bei «Wärme Frauenfeld (Zentrum)» handelt es sich jedoch nicht um ein konventionelles Fernwärmenetz, sondern um ein Anergienetz, das auf einem viel tieferen Temperaturniveau (10 – 30°C) basiert. Dessen Leitungen bestehen aus viel preisgünstigeren Plastikrohren, welche nicht isoliert sein müssen und weniger Druck standhalten müssen.  Warmwassererzeugung und Gebäudeheizung beim Verbraucher erfolgt über Wasser-Wärmepumpen, welche auch umgekehrt zur Kühlung verwendet werden können.

Das Frauenfelder Anergienetz nutzt die Abwärme der ARA, welche bei den Verbrauchern mittels Wärmepumpen auf das gewünschte Niveau gebracht wird. Im neuen Verwaltungsbau hinter dem Regierungsgebäude wird eine Energiezentrale gebaut mit einer Grosswärmepumpe, welche mehrere Gebäude versorgt, welche durch einen Hochtemperatur-Nahwärmering miteinander verbunden sind.

Es ist möglich, auch andere Erzeuger von Abwärme an den Anergiering anzuschliessen (Data-Center, Klimaanlagen, überschüssige Prozesswärme etc. Wir haben von Thurplus gehört, dass die Ergänzung des Netzes mit einigen Erdsondefeldern geplant ist.

 

Ein weiteres Anergienetz befindet sich in Frauenfeld auf der kleinen Allmend. Dort wird die Abwärme der Kunsteisbahn zur Beheizung diverser Sporthallen verwendet

 

Die ETH-Hönggerberg betreibt das grösste Anergienetz der Schweiz. Dieses bezieht Wärme und Kälte aus dem Erdreich über Erdsonden. Mit dem Erdspeichersystem wird überschüssige Wärme mit Hilfe von wassergefüllten Erdsonden bis zu 200 Meter tief im Erdreich eingelagert, um sie im Winter für das Heizen zu nutzen. Durch das Heizen wird dem Speicher in kühlen Monaten Wärme entzogen und die Temperatur des darin zirkulierenden Wassers sinkt. Im Sommer lässt sich dann der Prozess umkehren, indem man das kühlere Wasser nutzt, um die Gebäude zu kühlen.

 

Vor- und Nachteile der beiden Systeme

Vor--und-Nachteile-der-beiden-Waermenetz-Systeme.png

 

Fazit und Empfehlungen

Unserer Meinung nach ist der Fernwärmering West wegen zu geringer Anschlussdichte zu teuer. Uns ist an der Oberwiesenstrasse ein Wohnblock bekannt, der bisher am Fernwärmering der Zuckerfabrik angeschlossen war. Dieser alte Fernwärmering ist marode und unserer Meinung nach hat Thurplus dafür einen viel zu hohen Preis bezahlt (hätte gratis sein müssen). Die Besitzerin der Liegenschaft hat sich entschieden, ihren Wohnblock vom Fernwärmering abzuhängen und durch eine eigene Wärmepumpenheizung mit Erdsonden zu ersetzen. Die Wärmepumpenheizung mit Erdsonden wird schon für den Winter 22/23 bereit sein! Für die Stromerzeugung für die Wärmepumpen wird die Installation einer PV-Anlage auf dem Dach geplant.

Bevor Geld in einen neuen Wärmering investiert wird, sollten Alternativen durchgerechnet werden, dazu gehören ein «Anergiering-West», sowie die Förderung von PV-Anlagen und dezentraler Wärmepumpen im Einzugsgebiet. Der Anergiering könnte in diesem Fall eine Alternative sein für individuelle Erdsonden! Das Temperaturniveau des Anergienetz könnte während der Heizperiode leicht angehoben werden durch Energie vom Holzkraftwerk und damit den Stromverbrauch der dezentralen Wärmepumpen reduzieren.

Mit dem Holzkraftwerk sind Tatsachen geschaffen worden, indem ein zentraler Grosserzeuger von CO2-neutraler Wärmeenergie gebaut wurde. Dieses Kraftwerk ist jedoch überdimensioniert und verbraucht mehr Abfallholz, als in allen Thurgauer Wälder nachwächst! Aus diesem Grund empfiehlt der Frauenfelder Stadtrat bei der Dekarbonisierung in anderen Stadtteilen nicht auf holzbetriebene Blockheizkraftwerke zu setzen! Es darf nicht sein, dass über den Bau eines neuen überteuerten Hochtemperatur-Wärmerings der Steuerzahler die Zuckerfabrik indirekt zusätzlich subventioniert! Ausserdem besteht mit nur einem zentralen Wärmeerzeuger ein erhebliches Klumpenrisiko für den Fall eines Ausfalls des Holzkraftwerks!

Eine Fernwärmeversorgung ist ein wichtiges Element einer nachhaltigen zukünftigen Energieversorgung, doch muss dafür die am besten geeignete Technologie angewendet werden.

 

Die hochwertige Abwärme von Bioenergie Frauenfeld könnte alternativ für neu anzusiedelnde Industrie verwendet werden. Der CEO von Bioenergie hat vernehmen lassen, dass sich dafür verschiedene Interessenten gemeldet haben, und es gibt geeignetes Bauland direkt neben dem Holzkraftwerk. Die Abwärme (tieferes Temperaturniveau) dieser Bezüger von Prozessenergie könnte durch ein Anergienetz weiterhin genutzt werden!

 

Ein weiteres Argument, Alternativen genauer zu prüfen, ist der Zeitplan. Oberste Priorität bezüglich Klimawandel und Versorgungssicherheit hat der Ausstieg aus Erdgas für Heizzwecke. Schon in den nächsten Monaten wird der stark erhöhte Gaspreis auf die Konsumenten durchschlagen und viele Hauseigentümer wollen auf fossilfreie Lösungen umsteigen, jedoch nicht jahrelang (bis über 6 Jahre) warten, bis der Wärmering bis zu ihrer Liegenschaft gebaut ist!

 

Ausserdem wird mit der weitergehenden Klimaerwärmung mit Hitzeperioden der Bedarf an Kühlung steigen. Ein Anergiering erlaubt – im Gegensatz zu einem Hochtemperatur-Wärmering auch die Kühlung von Gebäuden und via Erdsondenfelder auch die saisonale Speicherung von Wärme und Kälte. Luftwärmetauscher von Klimaanlagen und Wärmepumpen könnten an den Anergiering angeschlossen werden und damit die einer weiteren Erhitzung der Umgebung vorbeugen. Leider wurden diese Aspekte im Projekt Wärmering-West nicht berücksichtigt!

 

Der Vorstand der GLP Frauenfeld empfiehlt aus obigen Gründen, die Annahme des Objektkredits über 9.9 Mio. Franken für die Realisierung des Nahwärmerings Altstadt und die Ablehnung des Objektkredits über 30.1 Franken für die Realisierung der Fernwärme West!

 

16. September 2022

Andreas Schelling für den Vorstand GLP Frauenfeld